Die Leiden der jungen Wörter

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Als Hans Weigels “Die Leiden der jungen Wörter. Ein Antiwörterbuch.” 1974 bei Artemis erschien, war noch nicht abzusehen, dass dieses Leiden nicht nur anhalten, sondern sich auch noch bis heute ständig verstärken würde.

Ein Kremser Malerbetrieb hat die Farb-, ein Tischler hat die Holz-, Schüler sollen Lern- und Sozial-, der bayerische Ministerpräsident hat laut Selbsteinschätzung angeblich Wirtschafts-, sie alle haben Kompetenz.

Fast kein Wort ist in letzter Zeit so inflationär verwendet worden.

Laut "Wikipedia" ist dabei eine kompetente Person schlicht

ein Fachmann oder eine Fachfrau (auch Spezialist oder Experte), die über umfangreiches Wissen auf einem oder mehreren bestimmten Fachgebieten oder über spezielle Fähigkeiten verfügt.

Kompetenz erwirbt man sich unter anderem durch Bildung, verschiedene Maßnahmen der Weiterbildung, Erfahrung, aber auch autodidaktisch.

Im juristischen Bereich ist es die “formale Zuständigkeit”.

Aber anscheinend klingt es gebildeter und besser, Ausdrücke aus der kognitiven Psychologie in seinen aktiven Wortschatz zu übernehmen.

Ähnlich inflationär wird in letzter Zeit “‘Es macht (keinen) Sinn” als die stupide Übersetzung des angloamerikanisch “it makes (no) sense” verwendet.
Gemeint ist damit: Es ist sinnvoll (sinnlos) oder: Es ergibt einen (keinen) Sinn.

Ähnlich wortwörtliche, und damit meist falsche Übersetzungen, hört man täglich:

high technology - Hochtechnologie – richtig: Spitzentechnik
realize – realisieren – richtig: erkennen
proactive – proaktiv – richtig: initiativ
virtuous – virtuos – richtig: tugendhaft
silicon – Silikon – richtig: Silizium
to recycle – recyceln – richtig: wiederverwerten
agent – Agent – richtig: Beamter
administration – Administration – richtig: Regierung
virtual reality – virtuelle Realität – richtig: Scheinwelt
actually – aktuell – richtig: tatsächlich

Geradezu verpönt scheint es zu sein zu sagen, ein Problem sei ungelöst oder noch nicht gelöst. Mit krampfhaftem Bemühen, originell sein zu wollen wird behauptet: “Die Kuh ist noch nicht vom Eis” oder “Es ist noch nicht alles in trockenen Tüchern”.

Fernsehmoderatoren versuchen oft mit krampfhaften Abschiedsprüchen ihre Sendungen zu beenden. Nina Ruge behauptet am Schluss ihrer ZDF Sendung “Leute-heute” (einem Gegenstück zu den ORF “Seitenblicke” – Kasperln) entgegen aller Lebenserfahrung und mit der Miene einer Mutter, die ihr Kind zu trösten versucht: “Alles wird gut!”

Eine eigenartige geometrische Vorstellung zeigen Politiker wie unser Bundeskanzler, der am Beginn seiner (ersten) Amtsperiode fortwährend von den “zentralen Eckpfeilern” seiner Politik sprach.

In diversen Manager- und Politikerseminaren scheint in den letzten Jahren die Parole ausgegeben worden zu sein, alles positiv sehen zu müssen. Das erinnert mich an die Anekdote von der Dame, deren eine Fuß kürzer war: “Das müssen Sie positiv sehen, dafür ist der andere länger.”

In die gleiche Kategorie fällt auch die Behauptung: “Alles ist möglich, wenn man nur will.” Damit bringt man den Angesprochenen zudem noch in eine psychische Zwangslage, wenn ihm etwas trotz heftigstem Bemühen dennoch nicht gelingt. Ich gebe auf derart verbreiteten Schwachsinn immer zur Antwort: “Dann versuchen Sie einmal einen Handschuh über einen Fäustling zu ziehen.”

Ist die Situation vollkommen aussichtlos und nichts mehr zu retten, so wird im neudeutschen gerne von einer “Chance” oder “Herausforderung” gesprochen. Damit kann man natürlich z. B. eine Frau, deren Kind gestorben ist und die gerade von ihrem Mann verlassen wurde, ein ungeahntes Maß an Trost spenden.

Dabei wusste schon Gotthold Ephraim Lessing: “Wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren.”

In eben diesen Seminaren scheint auch ein neues Verhältnis zur Arbeit gepredigt zu werden. Das Wenigste was dabei verlangt wird ist, mehrmals täglich zu betonen, wie gern man jeden Tag zur Arbeit gehe. Interessanterweise wird das aber hauptsächlich von denjenigen bis zum Überdruss hervorgehoben, deren Hauptarbeit darin besteht, den Arbeitstag mit allem auszufüllen nur nicht mit Arbeit.
Dass jemand, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht besonders gut fühlt oder nach 35 Jahren Dienstzeit nicht mehr den (berufs)jugendlichen Schwung zeigt, scheint die Vorstellungskraft dieser Herrschaften zu übersteigen.
Außerdem denke ich mir, wenn jemand besonders gerne irgendwohin geht, geht er ja auch von irgendwo gerne weg. Und in den meisten Fällen ist das ja von zu Hause…
Es fehlt jetzt nur noch, dass bei uns auch japanische Sitten einreißen, wo jeden Tag vor Arbeitsbeginn alle sogenannten Mitarbeiter gemeinschaftlich auf das Wohl der Firma eingeschworen werden und sich gegenseitig lautstark zu noch mehr Leistungsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe anfeuern. Nicht umsonst ist die Selbstmordrate, bedingt durch das betriebliche Umfeld, in Japan besonders groß.

Entspricht jemand nicht der Firmennorm, wird er “freigesetzt”, das heißt schlicht entlassen.
Damit wären wir auch schon bei dem Hang von Politikern und Technokraten, alles schönzureden. Zwei schöne Beispiele (unter tausenden) sind der “Gewerbepark”, als Umschreibung für die totale Versiegelung grünen Umlandes von Gemeinden, sowie die “friedliche Nutzung der Kernenergie”, wo gleich vier positiv besetzte Ausdrücke für etwas ganz und gar nicht Harmloses gesetzt werden.

Da lobe ich mir die Haltung jenes Geisteskranken, über den C.G. Jung berichtet hat, der als Begründung für sein jahrelanges Schweigen angab: “Weil ich die deutsche Sprache schonen wollte.”

Geradezu lächerlich ist auch das Bestreben der Politiker, politisch korrekt ja nicht auf die Frauen zu vergessen. Da brechen sie sich die Zunge, wenn sie die Wählerinnen und Wähler, die Österreicherinnen und Österreicher, die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler usw. ansprechen. Konsequenterweise müssten sie dann aber auch von den sehr geehrten Steuerbetrügerinnen und Steuerbetrügern oder Gesetzesbrecherinnen und Gesetzesbrechern sprechen.

Wollen wir wirklich von Finninnen und Finnen hören und lesen, von Bosniakinnen und Bosniaken, von Stixneusiedlerinnen und Stixneusiedlern?
Oder was auch schon allen Ernstes geschrieben wurde: ein herren- und frauenloses Pferd!

Und wer soll noch einen Text ertragen wie den eines österreichischen Gesetzesentwurfs von 1996:

«Der Studiendekan/die Studiendekanin hat den/die Universitäts/ Hochschullehrer/ in, der/die den/die Verfasser/in einer Dissertation betreut hat, jedenfalls zu einem/r Beurteiler/in zu bestellen.»

Zitatquelle: www.daube.ch [»]

Zu den immer mehr um sich greifenden Anglizismen seien nur zwei Sätze angeführt, die ich ebenfalls hier [»] gefunden habe und die für sich selber sprechen:

Mit dem Standby oneway Upgrade-Voucher kann das Ticket beim Check-In aufgewertet werden.

(Lufthansa)

Der Shooting-Star der Designer bekam Standing ovations für trendige Tops im Relax-Look

(ein Mode-Magazin).

In den Gemeindeämtern kleinerer Orte, in Provinzblättern und auch unter Juristen macht sich der Nominalstil breit, um aus irgendwelchen Gründen die Verwendung eines passenden Verbs zu vermeiden: “zur Anwendung kommen, zur Aufführung gelangen…”, statt “anwenden” oder “aufführen”.
Mein Favorit ist aber “in Vorlage treten”. Man kann vielleicht jemanden in den Allerwertesten treten, aber in Vorlage …?

Mit den meisten Adjektiven kann eine Vergleichsform gebildet werden. “Kein” ist aber kein Adjektiv, aber wie oft muss man von Menschen, die von derlei Überlegungen nicht gequält werden, Sätze wie “Das stimmt in keinster Weise” hören…

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