Brief an Herrn Wolf

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Die in letzter Zeit häufiger bemerkbare, einseitige Berichterstattung und Interviewführung des Herrn Wolf, verbunden mit einer (gespielten?) Ahnungslosigkeit im Bildungsbereich versucht dieser Brief an ihn etwas zu korrigieren:

Sehr geehrter Herr Wolf!

Ich bin Lehrerin an einer Polytechnischen Schule in Wien. Seit Jahren verfolge ich die einseitige Information der Medien über die Situation der Pflichtschullehrer.

FAKTEN:

1. Ich unterrichte seit 1977 in einem ungepflegten, nicht repräsentablen Schulgebäude. Zwei engagierte Lehrer und ich haben vor Jahren sogar Bildungssprecher Dr. Dr. Niederwieser im Parlament besucht und ihn mit Fotomaterial ausgestattet, das die schmutzigen Wände, unausgemalten Klassen, herabhängenden Wandbeläge usw. zeigte. Einige wenige Räume und die Gänge zweier Stockwerke wurden ausgemalt. Einige Lehrer malten mit Schülern selbst einige Klassen aus, weil die Wände so grau waren. Aber unser Schulhaus sieht so aus, dass sich Schüler nicht mehr scheuen, es mit weiteren “Verzierungen” zu versehen. Begründung dieser Zustände: die Bezirksvorstehung habe derzeit nicht genügend Mittel zur Verfügung.

2. Turnsäle: Wenn Sie sich erinnern können, gab es in Volksschulen diese Art der Säle mit einer Holzvertäfelung rundherum. Sie waren auch entsprechend klein. Unsere Schüler sind in der Pubertät und schon sehr erwachsen und groß. Also ist die Bewegungsfreiheit, die junge Menschen benötigen, eingeschränkt.

3. Arbeitsplätze der Lehrer: Wir Lehrer würden gerne in der Schule jene Arbeit verrichten, die wir notgedrungen zu Hause erledigen müssen. Und für die wir zu Hause ein Zimmer zur Verfügung stellen müssen. (Ich habe mittlerweile ca.30 – 40 Bene-Ordner erarbeitet.) Für ca. 40 Lehrer stehen im Lehrerzimmer zwei PCs zur Verfügung. Kein Lehrer verfügt über einen eigenen Tisch und genügend Regale um seine Unterlagen, die er zur Recherche benötigt, zu verstauen. Wir teilen uns zwei Lehrerzimmer und sind doch ca. 40 Personen.

4. Wir erteilen den Unterricht in Fachbereichen, in welchen die Klassen in zwei Gruppen geteilt und in zwei Räumen getrennt unterrichtet werden. Für jenen Kollegen, der die Klasse verlassen muss, ist das oft ein Suchen nach einem leeren Klassenraum, das etwas länger dauert.

5. Personaldaten: Ich finde, dass der ORF nicht korrekt vermittelt was hier geschieht: Ich habe als Pflichtschullehrer in der PTS 21 Wochenstunden zu absolvieren – laut Fr. Minister „stehe ich in der Klasse“. Volksschullehrer stehen 22 – 23 Std., Sonderschullehrer 22 – 23 Stunden in der Klasse herum. Wenn ich also bald zwei Stunden mehr herumstehe, dann arbeite ich 23 Stunden in unterschiedlichen Klassen. Meine Schüler haben davon nichts – keine Extrabetreuung, da ja die Schüler nicht länger in der Schule bleiben “dürfen”. Ich habe das meinen Schülern so erklärt: Wenn ich zwei Stunden länger in der Klasse unterrichte, muss ich zwei Stunden zusätzlich in einer anderen Klasse unterrichten. Das sind bei 40 Lehrern 80 Stunden. Wir erhalten aber keine 80 Stunden mehr Schulstunden-kontingent. Was heißt das? Diejenigen Kollegen, die erst kurz im Schuldienst arbeiten werden frei. Die Frau Minister hat gesagt: “Es werden keine Lehrer gekündigt!” Aber was heißt das? Junge Lehrer erhalten in den ca. ersten sechs Jahren nur Jahresverträge!! Sie müssen jedes Jahr ca. um diese Zeit um “Wiederverwendung” ansuchen. Wenn jetzt an unserer Schule 80 Stunden von Lehrern eingebracht werden, reduziert sich die Lehreranzahl und es wird natürlich niemand gekündigt – es wird halt nicht mehr jeder wieder verwendet – er/sie erhält keinen neuen Vertrag für das nächste Schuljahr. Wen trifft es? Jene Lehrer, die die Frau Minister in einigen Jahren so dringend brauchen wird.(Pensionswelle). Aber da sind sie hoffentlich schon in anderen Berufen tätig. Denn ich wünsche Ihnen nicht, diesen stetigen Niedergang des Lehrerleitbildes mitzuerleben unter diesen miserablen Arbeitsbedingungen, mit dieser Art von Schülern, die wir in der Resteschule “Polytechnische Schule” unterrichten müssen. Besuchen Sie uns einmal und nehmen vor Ort wahr, wie „gut es uns geht“. Bleiben Sie einmal einen vollen Arbeitstag von 8:00 – 17:15 (ja, da arbeiten wir auch noch!!!)

6. Entlohnung: Seit Kanzler Vranitzky tragen wir Lehrer (Beamte) Sparpakete, wir verloren Abschlagstunden für Kustodiate und Gegenstände, die besonders arbeitsintensiv waren, wir verzichteten auf Bienalsprünge, die Schülerzahl pro Klasse wurde unter Schüssel von 25 auf 30 erhöhtt, seit dem Vorjahr müssen wir 10 Stunden pro Jahr gratis supplieren (d. h. ein halbes Jahr Lehrerausfälle durch Krankenstände, Seminare, etc. werden so eingespart.) Vielleicht sollten Sie das Herr Wolf einmal erwähnen, wenn Sie meinen, dass auch die Lehrer ihren Beitrag zur Bildungsreform liefern müssen. Das wurde nämlich im Fernsehen noch nie so dargelegt. Ich persönlich sehe nicht ein, warum ich als hochqualifizierte Fachkraft der Regierung sparen helfen sollte, wenn es andere nicht tun. Warum holt man sich nicht das fehlende Geld z. B. bei den „Casinos Austria“ oder Unternehmen, die ja von unserer Arbeit profitieren. Ich habe von meinem Geld genug Seminare unter anderem auch an der Donauuniversität bezahlt und jetzt soll ich mein mir selbst bezahltes Fachwissen gratis zur Verfügung stellen. Ja, es gibt auch solche Lehrer —- und das Herr Wolf sollten Sie einmal zum Thema in den Sendungen machen, anstatt die Lehrer schlecht darzustellen. Wie sollen wir Jugendliche heranbilden, wenn Sie über die Medien unser Berufleitbild in den Schmutz ziehen und uns zu einer Bande Nutznießer und Schmarotzer auf Deutsch „O………. zieher“ machen. Lieben Sie es auch, wenn der ORF und Ihre Arbeit schlecht gemacht werden. Über die Medien wird immer wieder vermittelt, dass Lehrer eigentlich nur “frei”, sprich Ferien, einen Halbtagsjob hätten, dass ältere Lehrer fast keine Vorbereitungen mehr zu machen hätten, weil sie ja schon alles erarbeitet hätten, was sie unterrichten. Warum glauben sie den populistischen Andeutungen der Frau Minister??? Ist sie jemals in einer Klasse „gestanden“??? Ich „stehe“ dort jetzt seit 1972. Und da komme ich noch zu einem besonderen Punkt in der Pflichtschule: Ich war Volksschullehrerin als man mich in eine Hauptschule steckte. Dort musste ich acht Gegenstände unterrichten und wurde richtig im Regen stehen gelassen. Begründung: “Mit dem Volksschullehramt haben Sie die Fähigkeit, sich jedes Stoffgebiet zu erarbeiten und zu unterrichten!” Nebenbei besuchte ich die Vorlesungen im Pädagogischen Institut und wurde nach fünf Jahren Hauptschullehrerin und nach weiteren Studien Lehrerin der Polytechnischen Schule. Trotz meiner fünf Gegenstände, die ich studiert habe, bin ich auch in anderen Gegenständen eingesetzt worden. Und mittlerweile bin ich ein Allround-Genie und unterrichte meine Integrationsklasse mit einem Sonderschullehrer wie eine Klassenmutter in der Volksschule. Diese Art zeigt auch gute Erfolge, weil unser Team sehr klein ist. Wir sind auch für unsere Schüler immer ansprechbar und pflegen mit den Eltern telefonischen Kontakt. Das heißt, dass mich Eltern auch anrufen können – und das nicht nur in der Schulzeit.

7. Bei uns in der Pflichtschule ist das einfach zwei Stunden mehr zu unterrichten, weil wir ja in allen Gegenständen, bis auf Religion einsetzbar sein müssen. Das heißt ich habe meine volle Lehrverpflichtung. Wie ist das aber an der AHS? Mittelschulprofessoren studieren ca. zwei Gegenstände. Wie ist das, wenn jetzt die älteren Kollegen mit mehr Stunden verpflichtet werden, dort kann der Professor nicht auf andere Gegenstände ausweichen. Er wird nicht gebraucht!!! Und bitte machen Sie nicht den Fehler, wie die Printmedien. AHS-Lehrer haben auch vorgeschriebene volle Lehrverpflichtungen, nur die jungen erhalten keine vollen und arbeiten dann eben nur neun oder 14 Stunden, weil keine anderen Stunden mehr frei sind.

8. Das sehr geehrter Herr Wolf sind die Fakten, über die ich fast nichts vernommen habe in den Medien. Denn damit kann man keine Zuseher vor die Fernsehschirme bekommen um die Einschaltquoten zu steigern und über Werbespots mehr zu verdienen. Es hat doch jeder der Journalisten und Eltern einmal ein Lehrer- oder Professorenproblem kleiner oder größerer Art gehabt und gelernt am Landeshauptmann Haider hat „man“ halt auch. Polarisieren und kleine Umfragen, steigern die Einschaltquoten und die Zeitungsauflagen und sorgen im Land dafür von den wirklichen Problemen abzulenken.

9. Übrigens, was halten Sie davon etwas länger zu arbeiten – und das GRATIS!

Sehr geehrter Herr Wolf, ich musste das alles loswerden, weil ich ihre Sendung und Ihre Art in der Sie sie führen sehr schätze. Aber Sie scheinen so uninformiert oder dürfen nicht wirklichkeitsnah berichten – wer weiß?

Dolores Sischka OBl der PTS

Und, nein Herr Wolf, wir wollen nicht, dass Sie nur Lehrer zum Thema Bildung zu Wort kommen lassen. Nur können Sie in der Bewertung, wen Sie als Experten in Sachen Bildung interviewen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, ruhig strengere Maßstäbe ansetzen. Denn die Zahl der so genannten “Bildungsexperten” hat in letzter Zeit fast schon die Zahl der Fußball-Bundestrainer in der Bevölkerung erreicht.

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